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Sagebiel - Leben

         
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Denkmaltag 2019
                   
    



 

© Kirchengemeinde Bohnsdorf-Grünau, Reihersteg 36-38, 12526 Berlin, Ursula und Klaus Steinike

Beitrag zum Tag des Denkmals 2019 „ Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur".

Die Kanzel der Ev. Friedenskirche Berlin-Grünau

und ihr Bildhauer Gustav Kuntzsch

Die Ev. Friedenskirche zählt zu den Ende des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Kirchenbaupolitik Kaiser Wilhelms II. entstandenen Berliner Kirchen.

(Die fettgedruckten Zahlen geben die Abbildungsnummern an).

 

Die Kanzel ist ein erhöhter Ort in Kirchen, von dem der Pfarrer das Wort Gottes verkündet. Die Kanzel wurde hoch gebaut und mit einem Schalldeckel versehen, damit die Predigt von allen Gottesdienstteilnehmern akustisch gut verstanden werden konnte. Die Friedenskirche besaß keinen Schalldeckel, besitzt dafür aber seit 2018 auf der Kanzelseite eine Induktionsschleife zur Benutzung von Hörgeräten.

Die Kanzel befindet sich in der Friedenskirche zwischen Kirchenschiff und Apsis auf der rechten Seite vom Eingang her 01.

Die Kanzel besteht aus dem Korb mit dem Lesepult, der Kanzelsäule und einer Treppe, die zum Kanzelkorb führt. Der Kanzelkorb ist meist mit den Bildnissen der Evangelisten oder bisweilen mit Szenen aus der Bibel verziert. An der Säule können mystische Elemente zu finden sein. Die künstlerische Gestaltung der Kanzel entspricht der jeweiligen Stilepoche 02.

 

Die farblich gestalteten Holzschnitzereien der Grünauer Kanzel zeigen das Motiv: Das Gute besiegt das Böse.

Das Gute wird durch das Leben Jesu (Geburt 03, Tempelreinigung 04, Bergpredigt 05, Kreuzigung 06) und durch die Evangelisten zum Ausdruck gebracht. Die Lebensbilder sind nach ihrer Bedeutung für den Gottesdienst angeordnet. So ist die Bergpredigt, bei der Jesus sein Programm vorstellt, in das Kirchenschiff gerichtet; die Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande ist geostet.

Bei der Kreuzigungsszene sind die verwendeten Taukreuze auffallend. In der Kunst, speziell in der Zeit des Mittelalters und der Renaissance, wurden zur Darstellung der Kreuzigung Jesu die lateinischen Kreuze, auch Passionskreuze genannt, verwendet. Nach archäologischen Untersuchungen ist das Taukreuz jedoch die Art von Kreuz, an dem Jesus gekreuzigt sein soll. Die an der Grünauer Kanzel gewählte Kreuz-Wiedergabe entspricht dem historischen Befund.

 

In der Höhe der Lebensbilder und zwischen ihnen sind die Evangelisten zu sehen. Die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes gelten als die Autoren der vier Evangelien. Die Evangelisten werden seit dem 4. Jahrhundert zusammen mit einem Attribut (Buch) und einem beflügelten Symbol dargestellt. Die gebräuchliche Symbol-Zuordnung lautet: Ein Mensch versinnbildlicht Matthäus, der Löwe Markus, der Stier Lukas 07 und der Adler Johannes 07. Bisweilen wird auch nur das Symbol verwendet, eine Unterschrift fehlt. Dann ist die Zuordnung des Evangelisten schwierig. An der Grünauer Kanzel sind die Evangelisten-Symbole dann außerdem noch z. T. in Abweichung von der üblichen jahrtausendalten Form zu sehen.

Der Evangelist Matthäus wird als beflügelter Mensch dargestellt, an der Grünauer Kanzel versinnbildlicht er diesen Menschen sowohl im Alter eines Kindes als auch im Alter eines erwachsenen Menschen 08.

An der Kanzel ist kein Löwe zu entdecken, aber ein Evangelist im Kampf mit Schlangen 09, die ihm nichts anhaben können. Schlangen galten als überaus gefährlich und bösartig. Wer aber an Christus glaubt, kann vieles bewältigen und im übertragenden Sinne auch Schlangen anfassen. So ist es im Markusevangelium (Mk 16, 17-20) zu lesen und damit wird Markus durch sein eigenes Evangelium charakterisiert (Armin Vergens, Pfarrer in Berlin-Grünau von 1984-2004 verwies auf diese Erklärung).

In der Friedenskirche sind die Evangelisten – Symbole in der traditionellen Form an drei weiteren Orten zu finden (am Altar, holzgeschnitzt; in der Apsiskuppel, gemalt; am Kirchenportal in Kupfer getrieben)

 

Das Böse an der Grünauer Kanzel sitzt in Form von Fabelwesen und giftigen und ungiftigen Pflanzenarten im unteren Teil der Kanzel.

 

Für das Böse steht in der christlichen Symbolik auch der Teufel, der alles durcheinander wirft, der verleumdet. Sein Aussehen ist vielgestaltig. Sinnbild des Teufels kann ein lauschender gehörnter Affe sein 10. Einen analogen Affen findet man auch auf dem Cover eines Buches aus dem Beckverlag „wie zivilisiert ist der Teufel?" Dieser Affe war das Abbild eines Wasserspeiers auf der Kathedrale Notre Dame in Paris.

Das Böse kann auch ein harmlos scheinendes Blattgesicht 11 sein. Die Blattgesichter oder auch Blattmasken sind einfache grüne Blätter, die wie Gesichter wirken, mal grimmig und verschlossen wie an der Grünauer Kanzel, mal richtig fröhlich und naturverbunden. Die Blattgesichter werden seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen und sind vor allem in der romanischen und gotischen Kunst in Deutschland und in Frankreich an Konsolen, Kapitellen, Schlusssteinen und am Chorgestühl zu finden. Die Masken hatten sowohl eine symbolische als auch eine dekorative Bedeutung. Im Mittelalter stellten sie Dämonen oder böse Naturgeister dar und mussten verband werden.

Das bekannteste Blattgesicht in Deutschland befindet sich an einer Konsole des Bamberger Reiters (um 1235). Zu finden sind Blattgesichter z. B. auch in den mittelalterlichen Kirchen in Heiligenstadt, Eichsfeld. Wilhelm Sagebiel verwendete zu Beginn des 20. Jahrhunderts Blattgesichter auf dem Altar der Lutherkirche in Fürstenwalde Süd und am Patronatsgestühl der Dorfkirche Gröben 12.

 

Eine Eule 13 macht gleich zweimal am Boden des Korbes auf sich aufmerksam. Sie galt im Mittelalter als ein Symbol des Unglaubens und dieser musste bekämpft werden.

 

Zum Kanzelkorb führt eine Treppe, diese ist wie auch das Gestühl im Kirchenschiff mit zentrosymmetrischen Ornamenten 14 verziert, die wie stilisierte Blüten wirken und bedeuten sollen: Christus ist die Blüte, ist das Zentrum.

 

Der Bildhauer der Kanzel ist Gustav Kuntzsch (1848-1919). Er zählt zu den Holzbildhauern des Historismus. Er stammt aus der Familie eines Krämers und gründete 1877 in Hasserode/Wernigerode eine Anstalt für kirchliche Kunst - Holzarchitektur, Bildhauerei, Tischlerei- Spezialität: Kirchenmobiliar, Zimmer- und Villeneinrichtungen). Diese Anstalt existierte bis 1912 unter dem Namen Gustav Kuntzsch. Seine Firma arbeitete mit mehreren Mitarbeitern deutschlandweit, auch in Berlin. Er wirkte mit bekannten Architekten zusammen, wie August Menken, August Orth, Ludwig von Tiedemann, Max Spitta und Heinrich Klutmann.

Er führte vorwiegend technische Holzarbeiten durch und weniger Schnitzarbeiten an liturgischen Objekten. Seine geschnitzten Figuren wirken im Vergleich zu denen von Wilhelm Sagebiel (Altar der Grünauer Friedenskirche) 15 grob. Bei seinen liturgischen Arbeiten sind bestimmte theologische Motive wie bei Wilhelm Sagebiel nicht generell zu erkennen. Die von ihm gefertigten Kanzeln und Altäre sind nicht farbig gestaltet, die Kanzel in Grünau scheint in dieser Beziehung eine Ausnahme zu sein.

Die Kanzel wurde am 23. November 1906 von Wernigerode per Bahnfracht, verpackt in 5 Holzkisten, nach Grünau (Mark) abgesandt. Die Einweihung der Kirche fand bereits am 14. Dezember 1906 statt. Die Kanzel verdeckt ein wenig die Malerei (Bildnisse von Kirchenvätern) auf der Laibung zwischen Kirchenschiff und Apsis.

Altar und Kanzel der Verklärungskirche in Berlin-Adlershof 16, 17 stammen ebenfalls von Gustav Kuntzsch.

 

Den Entwurf für die Grünauer Kanzel fertigte Wilhelm Walther (1857-1917) an. Von ihm stammen auch die Entwürfe für Altar, Gestühl, Kirchenportale und für den Inhalt der Malereien.

Wilhelm Walther war Architekt und Königlich ernannter Regierungsbaumeister. Er betrieb ein Atelier für Architektur und Bauausführungen in Berlin-Grunewald und leitete den Bau des Kirchengebäudes in Grünau. Er war ein führender Vertreter des Eklektizismus (Mischung verschiedener Stile). Das ist auch der von ihm entworfenen Innenausstattung der Friedenskirche anzumerken. Zu seinen Werken gehören Villen, Wohnhäuser und Verwaltungsgebäude, die unter Denkmalschutz stehen.

Die Grünauer Friedenskirche wurde im neoromanisch-märkischen Stil mit gotisierenden Elementen von Ludwig von Tiedemann als Architekten 1904-1906 erbaut wurde. Die Neoromanik ist ein europäischer Kunststil des 19. Jh. entstanden auf der Suche nach einem repräsentativen Baustil. Die Neoromanik verbindet Elemente der Romanik mit anderen Stilen und findet ihren Schwerpunkt vor allem im protestantischen Kirchenbau und in staatlichen Verwaltungsgebäuden.

 

Das allgemeine Thema des Denkmaltages 2019 lautet: Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur. In dieses Umfeld ist die Friedenskirche mit ihrer Inneneinrichtung seit ihrer Gründung eingebettet. Weitere Umbrüche lassen sich erkennen. Vom Nutzungskonzept ist die Friedenskirche nicht mehr nur ein sakraler, sondern auch ein zentraler kultureller Ort. Dementsprechend erhielt das gesamte Seitenschiff bei einer denkmalgerechten Sanierung 2004-2006 durch das Architekturbüro Thoma und Thoma, Berlin, Gemeinderäume und Sanitärtrakt.

 

Literatur:

  1. Ursula Steinike, Liturgische Ausstattung, Festschrift der Ev. Kirchengemeinde Berlin-Grünau zum 100. Kirchweihjubiläum, Herausgeber: Ev. Kirchengemeinde Berlin-Grünau 2006, S. 30 – 34
  2. Ursula und Klaus Steinike, Ev. Friedenskirche Berlin-Grünau, Liturg. Ausstattung von 1906, Herausgeber: Ulrich Kastner, Ev. Kirchengemeinde Bohnsdorf-Grünau, 2016, 3. Auflage
  3. U. Steinike, K. Steinike, Die Heilsgeschichte, dargestellt an der Innenausmalung der Ev. Friedenskirche Berlin Grünau, Herausgeber: Ev. Kirchengemeinde Bohnsdorf-Grünau, Pf. Ulrich Kastner, 11. 12. 2016, 60 Seiten